WHAT’S ON YOUR WALL?

#7 Frank-Tilo Becher

 

Eine Kooperation mit der Gießener Allgemeinen Zeitung

A cooperation with the Gießener Allgemeinen Zeitung

 

Vom Suchen und Finden

 

Herr Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher, was hängt an Ihrer Wand?

 

Kunst erzählt mir Geschichten und ist mit meiner Geschichte verbunden. Vom großen Familientisch blicke ich auf das Bild Map des zeitgenössischen US-amerikanischen Malers Jasper Johns (*1930). Meine Frau und ich haben den Druck aus New York mitgebracht, nachdem wir uns im Museum of Modern Art vom Original hatten beeindrucken lassen. Es ist eine Erinnerung an ein wichtiges gemeinsames Jahr in den USA und eine daraus entstandene Verbundenheit mit diesem Land. Im gleichen Zimmer hängt, sehr im Kontrast, eine Radierung von Anton Scheuritzel, Deutscher Maler und Grafiker (1874–1954), der in den 1920er-Jahren auf die Darstellung von Industriemotiven spezialisiert war. Diese ländliche Darstellung mit Brücke hat über meinen Großvater den Weg aus dem Anhaltinischen zu mir gefunden.

Mein Büro im Gießener Rathaus bietet leider nur eine kleine Wandfläche für eigene Bilder. Ich werde sie für eine kleine Wechselausstellung nutzen, die ganz aktuell eine Abbildung von Devolved Parliament von Banksy zeigt, ein Street Art-Künstler, den ich faszinierend finde. Das Affenparlament im Büro des Oberbürgermeisters ist nicht ohne Irritation und Provokation – aber damit nah an dem, was für mich ein Teil der Kraft ist, die in der Kunst steckt. Ich lese dieses Bild als Mahnung, unsere Parlamente als wichtige politische Errungenschaft zu pflegen, sie als Ort seriöser und gemeinwohlorientierter Politik zu bewahren.

 

Was verbinden Sie mit den Kunstwerken?

 

Kunst erlebe ich stark in einer Bewegung von Suchen und Finden. Die bunten Farben bei Jasper Johns lassen nicht sofort und nicht jede*n die geografische Karte der USA finden. Und wenn man sie entdeckt hat, geht das Suchen im Detail weiter und letztlich die Suche nach dem Bild von den USA, das ich im Kopf habe. Oder aber ich habe jenseits aller Gegenständlichkeit in Farben und Motiven für mich etwas gefunden. Für mich lebt Kunst davon, dass sie geheimnisvoll und offen ist.

Die Brücke, Motiv der Verbindung und der Überwindung von Hindernissen, lädt ein, Geschichten zu entdecken. Die Kunst und Kunstgeschichte ist voller Brückenerfahrungen, die vom Seufzen in Venedig ist eine davon. Für mich ist dieses Bild eben auch eine Brücke zu meinem Großvater – und damit auch voller Geschichten und unerzählter Geheimnisse.

 

Und schließlich Banksy, das Pseudonym für einen Künstler, der sich selbst zum Geheimnis stilisiert und wie eine Märchenfigur aus dem Nichts in der Welt auftaucht, zuletzt mit dem Mädchen im Handstand auf ukrainischen Trümmern. Seine Kunst ist immer wieder wie ein überraschender Kommentar auf das Zeitgeschehen. Vom Suchen und Finden – Street Art, eine spannende Suchbewegung mitten im öffentlichen Raum.

 

Frank-Tilo Becher ist Oberbürgermeister und Kulturdezernent der Universitätsstadt Gießen.

 

 

 

 

On searching and finding

 

Mayor Frank-Tilo Becher, what is hanging on your wall?

 

Art tells me stories and it has a connection with my history. When I sit at our large family table, I have a view of the art work Map by the contemporary US painter Jasper Johns (*1930). My wife and I brought the print back from New York after admiring the original at the Museum of Modern Art. It is a reminder to us of an important year that we spent together in the USA and of our resulting bond with the country. As a contrast, an etching by Anton Scheuritzel, a German painter and graphic artist (1874-1954) who specialised in industrial motifs in the 1920s, hangs in the same room. This rural depiction featuring a bridge made its way to me from Anhalt via my grandfather.

 

Unfortunately, my office at the town hall in Giessen does not have much wall space for my personal artwork. I use it like a small temporary exhibition, which currently features an image of Devolved Parliament by Banksy, a street artist I am fascinated by. The Monkey Parliament in the Mayor's office is not without irritation and provocation – to me, however, this comes close to what is part of the inherent power of art. I understand this painting as a reminder to uphold our parliaments as an important political achievement, to preserve them as a place of serious and community-oriented politics.

 

What do you associate with the artworks?

 

I experience art strongly as a movement from searching to finding. The bright colours of Jasper Johns don't allow everyone to discover the geographical map of the USA immediately. Yet once discovered, the search continues in the details, and ultimately in the search for the image of the USA that I have in my mind. Or else I have found something for myself that goes beyond all representationalism in terms of colours and motifs. For me, art exists by being mysterious and open.

 

The bridge, a motif of connection and of overcoming obstacles, invites us to discover stories. Both art and art history are full of bridges to experience, the bridge of Sighs in Venice is one of them. For me, this painting is also a bridge to my grandfather – and consequently full of stories and untold secrets.

 

And finally Banksy, the pseudonym for an artist who styles himself as a mystery, and appears to the world out of nowhere like a character from a fairy tale, most recently with the girl doing a handstand atop of rubble in Ukraine. His art is always a surprising commentary on current events. Of searching and finding – street art, an exciting searching motion in the middle of the public sphere.

 

Frank-Tilo Becher is Mayor and Head of the Department of Culture of the University City of Gießen.

 

 

 

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Telefon: 0641/3061040 I kunsthalle@giessen.de

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